WiGeP-Industriedialog 2017 bei SCHAEFFLER

Das Frühjahrestreffen der Mitglieder vom 16.03.-17.03.2017 zum Thema „Innovationen in der Antriebstechnik – disruptiv und evolutionär“ 

Herzlicher Empfang der Teilnehmer

Frau Bundesministerin für Bildung und Forschung Prof. Wanka begrüßte in Ihrer Rede vor den etwa 70 Teilnehmern des Industriedialogs der WiGeP das Engagement in Forschung, Lehre und Weiterbildung auf dem Gebiet der Produktentwicklung, das die WiGeP repräsentiere. Unter den Zuhörern war auch Frau Schaeffler-Thumann und Herr Thumann.

Es sei nicht entscheidend, ob die Ausbildung im deutschen Ingenieurwesen nun zu einem Bachelor- bzw. Masterabschluss statt des Diploms führe, sondern dass weiterhin die deutsche Ingenieurskunst weltweit so geachtet bleibe. Die entsprechenden Studiengänge seien ein Magnet für ausländische Studierende. Das spreche für sich. 

Frau Prof. Wanka unterstrich die Wichtigkeit der Forschung unter Beachtung der Umsetzbarkeit in reale Produktnutzen. Hierfür warb Frau Prof. Wanka unter Verweis auf Förderungsmöglichkeiten bereits studentischer Initiativen.

Der Wegfall großer Anteile an Arbeitsplätzen im Zuge der Digitalisierung treffe nicht auf Deutschland zu. Der im internationalen Vergleich hohe Anteil an akademisch ausgebildeten Fachkräften, aber insbesondere die sehr gute Ausbildung von Fachkräften im vorakademischen Bereich und der damit verbundenen Flexibilität der Arbeitskräfte trage zur wesentlichen Abschwächung des befürchteten Effekts bei. Eine weitere Stärke läge in der Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern und Wissenschaft auf diesem Gebiet.

In nächster Zukunft werde ein Förderprogramm Initiativen im Bereich künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen fördern. Außerdem würden Initiativen zu synthetischen Kraftstoffen gefördert, zumal nicht zu erwarten sei, dass binnen weniger Jahre die Elektromobilität Verbrennungsmotoren verdränge. Zum Erreichen der CO2-Ziele brauche man Verbrennungsmotoren, die aber Kraftstoffe mit synthetischen Anteilen verwenden. 

In der Bevölkerung sei bezüglich Mobilität in den letzten Jahren Verunsicherung entstanden. Eine Kampagne zur integrativen Mobilität mit vernetzten Mobilitätssystemen mit hohem Elektro-Anteil sei nötig.

Eine baldige Dominanz im Bereich autonomer Mobilität durch z.B. Google sei nicht zu befürchten. Google halte derzeit 8% der relevanten Patente. Deutsche Unternehmen hielten etwa 50%. Eine Forschungsagenda zu autonomem Fahren widme sich dem Thema dezidiert. 

Der Magnet „Deutsche Ingenieurskunst“ im Wettbewerb um ausländische Spitzenkräfte begründe sich auch in der vergleichsweise hervorragenden Förderkultur aktueller Forschungsthemen in Deutschland. Der Etat für Bildung und Forschung sei wiederum um etwa 27% angehoben worden. 

Geld alleine reiche jedoch nicht aus. Erst in Verbindung mit begeisterten Forschern entstünden nutzbare Inhalte, die einen Mehrwert darstellten. Frau Prof. Wanka bedankte sich in diesem Sinne für das Engagement der Teilnehmer und wünschte bereichernden Austausch.

Begrüssungsrede durch Prof. Gutzmer 

Prof. Gutzmer ging in seiner Begrüßungsrede darauf ein, wie sich aus den Megatrends Klimawandel, Urbanisierung, Globalisierung und Digitalisierung die Strategische Ausrichtung SCHAEFFLERs unter dem Motto „Mobilität für morgen“ ableitet. Die vier Fokusfelder Umweltfreundliche Antriebe, Interurbane Mobilität, Urbane Mobilität und letztlich die Energiekette stellten hierbei die Grundlage, auf der die Wachstumstreiber der Gegenwart und Zukunft adressiert würden. Im Bereich Automotive seien das die Elektrifizierung, das Autonome Fahren, die Vernetzung und das steigende Gewicht der Zulieferer in der Wertschöpfungskette. Die wesentlichen Wachstumstreiber im industriellen Umfeld SCHAEFFLERs seien dabei Energieeffizienz, Innovation, Industrie 4.0 und das Service-Geschäft.

Die Digitale Agenda SCHAEFFLERs werde durch „Smart Engineering“ unterstützt. Darunter versteht SCHAEFFLER z.B. die Entwicklung von vernetzten Produkten und Services, die Produktionsentwicklung mit der digitalen Fabrik, die integrierte und modellbasierte Produktentwicklung. Das alles unter Anwendung erweiterter Simulation und Analytik. Big Data Management und eine digitale Plattform helfe dabei, virtuelles mit realem Verhalten zu korrelieren.

Wer bei der Begegnung mit diesen Transformationen und Herausforderungen auf die Leidenschaft und die kontinuierliche Weiterentwicklung der Mitarbeiter setze, erfülle einen der wesentlichen Erfolgsfaktoren.

Keynotes 

Zum Thema „Innovationen im Zeitalter der Mega-Entwicklungsgeschwindigkeit“ hielt Dr. Serhan Ili, CEO und Gründer der Ili Consulting AG mit Sitz in Karlsruhe, einen Keynote-Vortrag. Er plädierte hierin u.a. für drei Grundhaltungen im Innovationsmanagement: exponentielles Denken, Loslassen des Herkömmlichen und Agilität. In der Verbindung zum Geschäftsmodell sei bei Innovationen vorteilhaft, früh zu definieren, wie Zahlungsströme generiert werden könnten. Große Anwendungsvolumina würden den exponentiellen Charakter dieser Geldströme verankern und zu langfristigen Vorteilen bei gleichzeitigem Verkleinern der Hürden aus Anwendersicht führen. In Verbindung mit dem nahegelegten Loslassen des Herkömmlichen empfahl Dr. Ili, Projektetappen so klein wie möglich zu definieren und sich gleichzeitig so eng wie möglich in ständigem Austausch mit dem Anwender bzw. Kunden zu befinden, um für jeden Teilschritt neu, das Optimum aus Qualität, Kosten und Zeit finden zu können. Agilität sei schlicht deswegen nötig, um sich auf die immer schneller wandelnden Kundenbedürfnisse noch kurzfristiger einstellen zu können.

Dr. Ilis Keynote wies mehrere Parallelitäten zur sogenannten Blue-Ocean-Strategie von Kim und Mauborgne auf, die Dr. Ili erfolgreich anzuwenden scheint.

Einen weiteren Keynote-Vortrag mit dem Titel „Innovationen von SCHAEFFLER: Mobilität von morgen gestalten“ hielt Prof. Hosenfeldt, Senior Vice President Corporate Innovation der SCHAEFFLER AG.

SCHAEFFLER stelle sich der Herausforderung der Ambidextrie, also der Fähigkeit, gleichzeitig effizient und flexibel zu sein, indem auf Exploration (der Entwicklung etwas völlig Neuem) und ebenso auch auf Exploitation (der Weiterentwicklung von Bestehendem) gesetzt werde. Unternehmen mit hoher Innovationskraft beherrschten beides. 

Einen hierzu förderlichen Rahmen steckt SCHAEFFLER strukturell wie auch die Verhaltensweisen betreffend. Unternehmenswerte würden in Strategien aufgehen, aus denen Ziele abgeleitet würden, um schließlich Ressourcen zuzuordnen. Bezüglich der Verhaltensweisen sei es für SCHAEFFLER wichtig, eine Fehlerkultur zu etablieren, in der Fehler nicht als grundsätzlich schädlich kategorisiert werden, sondern – im Gegenteil – zur Innovationskultur dazugehören. Eine von Offenheit gegenüber Fehlern und dem sogenannten „schnellen Scheitern“ geprägte Lernkultur unterstütze die Wandlung in Lerneffekte und eine schnelle Umsetzung der Innovation.

Innovationsradare helfen SCHAEFFLER frühzeitig, neue, verbesserte oder sich verbreitende Technologien nach ihrer zeitlichen Relevanz und technologischer Impacts einzuordnen und dabei mit SCHAEFFLERs strategischen Initiativen wie z.B. urbane Mobilitätskonzepte, elektrifizierte Antriebe, Leichtbau etc. in Verbindung zu bringen.

Als Beispiel eines diesem Innovationsmanagement entstammenden Produkts wurde der SCHAEFFLER Bio-Hybrid angeführt. Das rechtlich als Fahrrad geltende, elektrisch unterstützte Vierrad schließe eine Lücke in der urbanen Mikromobilität.

Neben reinen Inhouse Innnovationen pflegt SCHAEFFLER ein Innovationen-Netzwerk, z.B. mit Start-Ups. Diese unterstützten einen schnellen und flexiblen Zugang zu noch auszubauenden Kompetenzfeldern. 

Prof. Hosenfeldt führte auf, dass Maschinenelemente wie z.B. ein mechanischer Tassenstößel durch Innovation der Exploitation kontinuierlich verbessert wurden, insbesondere nach den Kriterien Gewicht, Reibung und Kosten. Außerdem wurde gezeigt, wie durch sensorische Beschichtung z.B. Lager und Wellen zum Maschinenelement 4.0 weiterentwickelt werden.

Workshops 

Der Austausch der Teilnehmer des Industriedialogs wurde insbesondere durch die Workshops gesteigert. Das Motto der diesjährigen Workshops war „Innovationen – disruptiv und evolutionär“. Hierzu teilten sich die Teilnehmer in zwei Gruppen auf. Während die eine Gruppe selbst mitgestaltete disruptive Innovationen nach ihren Charakteristika einordnete, tat das die andere zu evolutionären Innovationen. Nach der ersten Hälfte wurden die Gruppen getauscht. Nach der Wahrnehmung der Teilnehmer besitzen die meisten Innovationen Vorgängerprodukte, die um weitere innovative Teilsysteme ergänzt werden. Die Kombination mehrerer innovativer Teilsysteme bewirke unter Umständen eine disruptive Innovation, die sich dadurch auszeichne, eine bestehende Technologie verdrängen und somit Märkte verändern zu können. Dabei würde allerdings auch das Entwicklungsrisiko enorm gesteigert. Der disruptive Charakter einer Innovation speise sich oft aus dem Zusammenwirken von Maschinenbau und angrenzenden Disziplinen, wie z. B. der Informationstechnik und könne auch zu neuen Geschäftsmodellen führen. Daraus leitet sich ein Appell der teilnehmenden Industriekreismitglieder der WiGeP den Hochschulprofessoren gegenüber ab, neben einer soliden Maschinenbauausbildung Schnittstellenkompetenzen zu angrenzenden Fachgebieten in die Ausbildung ihrer Studierenden zu integrieren.

Dezidiertere Workshop-Ergebnisse werden in der kommenden Ausgabe der WiGeP-News veröffentlicht.

Mitgliederversammlung

Dem Industriedialog voraus ging die Mitgliederversammlung der WiGeP, an der ordentliche und emeritierte Mitglieder teilnehmen. 

Einen thematischen Schwerpunkt bildete dieses Jahr die Zitationskultur und Berufungspolitik. Der Diskussion ging ein Positionspapier der WiGeP voran, veröffentlicht in den WiGeP-News Ausgabe 2-2016 und auf wigep.de. Der zunehmende Stellenwert von Publikationsindizes – allen voran der H-Index – in Berufungsverfahren wird kritisiert. Die WiGeP will nach wie vor darauf aufmerksam machen, dass der H-Index lediglich ein Quantitätsmerkmal ist und die Qualifikation sich im Bereich Produktentwicklung auch andersartig ausdrücke. Dafür wolle man sich in Berufungskommissionen einsetzen. Dennoch müsse man hochwertig publizieren und auch potenzielle Bewerber für zukünftige Berufungsverfahren nach deren Wechsel von der Universität in die Industrie dahingegend beraten. 

Einen weiteren Themenschwerpunkt bildete die Querschnittsgruppe Lehre und Weiterbildung der WiGeP, die sich in einem zweitägigen Arbeitskreistreffen mit der Interdisziplinariät in der Lehre beschäftigt hatte. Die Teilnehmer hatten sich dann beraten, wie integrierte Lehrkonzepte aussehen können, was die Vor- und Nachteile projektbasierter und nicht-projektbasierter Lehrkonzepte sind und welche jeweiligen Rahmenbedingungen gegeben sein müssten. 

Außerdem wurde besprochen, wie ein Curriculum „Produktentwicklung“, das Studierende in einem durchgängigen Studium bis zum Master führt, inhaltlich und organisatorisch gestaltet sein könnte. In diesem Zusammenhang sei auch auf den „Leitfaden Lehre“ der WiGeP aufmerksam gemacht, den Sie im Downloadbereich auf wigep.de einsehen können. 

Michael Bartholdt